Smartphone in der Hand

Periscope in der Kirche: das Gottesdienst Experiment

Erster Advent in der Ev. Johannes Kirchengemeinde in Hattingen. Pünktlich zu diesem Tag ging auch die neue Website der Gemeinde an den Start. Kirchen kann man nun nicht wirklich vorwerfen, im digitalen Bereich besonders weit vorne zu sein. Ganz im Gegenteil. Betrachtet man Websites und Social Media Auftritte durch das ganze Land, so wird der Verbesserungsbedarf deutlich erkennbar. Vom Online-Fundraising oder dem Einsatz von gutem Bild- und Videomaterial mal ganz abgesehen.

Periscope einfach mal ausprobiert

Der Vorteil von Kirchengemeinden ist aber auch, dass man bestimmte Dinge einfach mal ausprobieren kann, ohne dass gleich ein großer Schaden entsteht. Sie können ein kleines Experimentierfeld sein. So auch am 1. Advent geschehen.
Wir haben vor Ort mit kleinem Besteck den Familiengottesdienst live ins Netz gestreamt. Warum? Weil wir es konnten. Und weil wir tatsächlich mal schauen wollten, wie einfach es ist und ob Erweiterungspotential besteht. Von 10.50 Uhr bis 12.10 Uhr waren wir on Air.

Fakten bitte.

Gerne. Dann mal kurz zur Technik. Aufgenommen wurde mit einem handelsüblichen iPhone 6s Plus. Dieses wiederum wurde in einen Husky3M Gimbal eingespannt, das dann wiederum auf einem soliden Manfrotto Stativ angeschraubt wurde. Das mit dem Gimbal hätte nicht unbedingt sein müssen, erlaubt aber spontane Schwenks durch den Gottesdienstraum. Und es war halt da ;-).

Der zusätzliche Akkupack für’s Phone lag daneben, kam aber nicht zum Einsatz. Am Ende der Übertragung war etwas weniger als die Hälfte des Akkus leer. Genügend Reserven also. Auch das Gimbal zeigte keine Ermüdungen. Der Motor schnurrte vor sich hin. Übertragen wurde über die Periscope App, die die Auflösung von sich aus steuert und dies mittlerweile auch im für Videos normalen Querformat tut. Von Vorteil war, dass das Gemeindehaus der Ev. Johannes Kirchengemeinde Hattingen mit Freifunk ausgestattet ist. Dadurch war eine gute Bandbreite gewährleistet, die Übertragung ging nicht durch private LTE Kontingente und war stabil. Ein weiterer Punkt, sich als gemeinnützige Organisation mal mit dem Gedanken zu befassen, sich den Freifunk Initiativen anzuschließen. Die Übertragung lief über das private Periscope Konto von mir, wurde im Blog der Gemeinde vorangekündigt und per Tweet mit entsprechenden Hashtags gestartet.

Die Stativ-Gimbal Kombi stand mit Blick auf den Altar gerichtet und konnte erst mal nahezu alles einfangen, was da von Bedeutung ist.

Der Ton war wiedererwartend gut. Das lag zum einen an der prima mitsingenden Gemeinde (Weihnachtslieder gehen immer) und dann an der Beschallungsanlage im Gemeindezentrum.

Die Nachberichterstattung gestaltete sich allerdings etwas schwierig. Auch wenn Periscope den bekloppten Hochkantmodus mittlerweile nicht mehr vorschreibt, so speichert das iPhone den Stream lokal hochkant ab. Und trotz nicht kompletter Dummheit in diesen Fragen ist es mir bislang nicht gelungen, den Stream um 90° gedreht zu exportieren. Auch dem Videofachmann fällt gerade nichts mehr ein. Aber irgendwas ist ja immer.

Und wer guckte da überhaupt zu?

Das war die große Frage. Und träumen wollten wir auch nicht. Uns war klar, dass dieses Angebot wirklich niemanden aus der eigenen Gemeinde ansprechen würde. Und auch darüber hinaus nicht. Deshalb, weil a) Periscope noch nicht wirklich relevant und b) es auch für Kirche lange nicht werden wird. Niemand erwartet einen Gottesdienst im Live-Stream, bleibt eher zu Hause und schaut ihn sich von dort aus an. Auch nicht, wenn Periscope anscheinend vorinstallierte App beim neuen Apple TV ist.

In dieser Stunde haben sich global 238 Menschen eingeklinkt. Klingt erst mal viel, aber muss in Relation gesehen werden. Denn diese Besucher werden durch Zufall gekommen sein. Das Verhalten kenne ich von mir selbst: Einfach mal über die Karte klicken und schauen, was los ist. Und soviel ist eben bei Periscope nicht los, besonders nicht am Sonntag Morgen.

Über die Zeit verteilt waren es immer mindestens 4 Personen, eher durchschnittlich 6, maximal 20 parallele Zuschauer. Einer davon war Pfarrer Frank Schulte selbst: Sein übertragendes Smartphone mit Stream lag im Gottesdienst vor ihm, um mögliche Kommentierungen mitzubekommen. Ein anderer war ein zu Hause gebliebener Presbyter. Interessanter Effekt: Bei den Gebeten ging es bergab und die Menschen klickten sich weg. Die Bindungsquote lag also klar bei unter 1%.

Es gab einen Kommentar eines Viewers, der sich freute im Bett liegen zu dürfen und dabei einem Gottesdienst zu folgen. Diesen Kommentar nehmen wir ihm jetzt mal ab und dies war somit der erste kleine Erfolg.

Also, es gucken Menschen zu, wenn auch eher zufällig und spontan und nicht wirklich lang und nachhaltig. Aber wie oben schon erwähnt, haben wir das auch nicht erwartet.

Ev. Johannes Kirchengemeinde Hattingen
Die Ev. Johannes Kirchengemeinde will einladen. Mit Periscope auch live und via Stream.

Warum ist Periscope trotzdem für Kirche interessant?

Interessant aus der Sicht des Machers: Die technische Umsetzung ist wirklich total einfach und könnte gut ausgebaut werden. Insbesondere dann, wenn noch mehr mit dem Gimbal in der Hand gearbeitet werden kann. Dann ist der Kameramann aber im Rahmen eines Gottesdienstes eher Störfaktor. Und es kommen dann auch rechtliche Fragen auf, wenn wie hier in diesem Familiengottesdienst auch der Kindergarten und die Kinder eine Rolle spielen und Dreherlaubnisse und Einverständniserklärungen bei Personenaufnahmen fällig werden.

Interessant aus der Sicht der Kirchengemeinde oder Kirche im Allgemeinen: Auch wenn wie oben beschrieben das Angebot in der Gemeinde selbst nicht wahrgenommen werden wird, so ist es ein Zeichen an die allgemeine Öffentlichkeit. Nennen wir es von mir aus Mission. Kirche zeigt Präsenz und Menschen werden damit konfrontiert, in dem sie zufällig auf einen Livestream klicken. Kirche zeigt damit, dass sie vielleicht doch nicht so digital unaffin ist und eben eine Botschaft zu verkünden.

Noch interessanter wird es, wenn Facebook die nahezu identische Streamfunktion mit dem Namen „Live“ ausrollt. Derzeit wird sie nur von Promis getestet. Denn dann ist das Publikum da und die Relevanz erhöht sich. Dann wird’s vielleicht auch düster für Periscope. Wir beobachten das mal weiter.

Kennt Ihr Beispiele gemeinnütziger Organisationen, die Periscope aktiv einsetzen? Her damit.

Veröffentlicht von

Maik

Maik Meid ist freiberuflicher Fundraising- und Kommunikationsberater für Nonprofits.

2 Gedanken zu „Periscope in der Kirche: das Gottesdienst Experiment“

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